Rosalie Wanka

Tänzerin (Zeitgenössisch und Tango Argentino)

Rosalie tanzt

Rosalie, was machst du beruflich?

Ich bin ausgebildet im klassischen Ballett und habe dann zeitgenössischen Tanz und Tanzpädagogik studiert. Seit meinem dreizehnten Lebensjahr tanze ich argentinischen Tango, und aus all diesen Elementen setzt sich meine Arbeit heute zusammen.

Wie hat sich deine Karriere entwickelt?

Nach meinem Uniabschluss habe ich ein paar Produktionen für andere Choreografen im zeitgenössischen Tanzbereich gemacht und ein paar Monate in einer Tangoshow mitgearbeitet. Dort habe ich meinen ersten Tangopartner kennengelernt und mit der Unterrichtstätigkeit angefangen, mit Shows Performances, Bühnenauftritten und so weiter. Beim zeitgenössischen Tanz ist mir im Lauf der Zeit klargeworden, dass es sinnvoll ist, eigene Stücke zu entwickeln.

Was gefällt dir an deinem Beruf und deiner Lebensweise?

Mir gefällt, dass ich tanzen kann, dass ich viel mit Menschen zu tun habe, dass ich sie beobachten und ihnen etwas geben kann. Das geschieht vor allem beim Unterrichten. Wenn ich als Tänzerin auf der Bühne bin, gefällt mir, dass ich in meine Kunst eintauchen und mir meine eigenen Welten kreieren kann.
Das was ich tue, muss ich auf ganz vielen Ebenen immer wieder neu kreieren, immer wieder hinterfragen und immer neu strukturieren.

Du hast von beobachten gesprochen, das wundert mich etwas?

Ja, in allen Facetten meines Berufs muss ich Menschen beobachten, in erster Linie natürlich mich selber: wenn ich trainiere, wenn ich etwas ausarbeite, oder wenn ich eine Choreographie mache.
Im Unterricht beobachte ich die Menschen, die ich unterrichte, sonst könnte ich Ihnen keine Rückmeldung geben. Unterrichten oder ein Stück zu entwickeln hat ganz viele Ebenen: Die technische Ebene, auf der man Bewegung oder Bewegungsmechanik vermittelt und es hat alles ganz viel mit Psychologie zu tun, also mit dem Menschen selbst. Du schaust Dir einen Menschen an und erkennst: er hat dieses Problem mit der Haltung, er bewegt sich so und so, er geht so und so mit mir um, und er geht so mit seiner Partnerin um…

Du arbeitest also quasi als Pädagogin?

Ja klar, natürlich.
Da musst du halt gucken, wie vermittle ich dem die Information, die ihn jetzt gerade am besten weiter bringt, auf eine Art und Weise, dass er sie schnell aufnehmen kann.

Gibt es besondere Momente, an die du dich als Tänzerin besonders erinnern kannst?

Da gibt es viele!
Wenn ich es chronologisch durchgehe: Der erste und vielleicht absolut stärkste Moment war, als ich die Aufnahmeprüfung zur Balletakademie in München bestanden hatte. Ich bin fast geplatzt vor Glück. Es war wie vor einer Autobahn: ich dachte, jetzt liegt ein klarer Weg vor mir, jetzt kann ich das machen was ich liebe!

Auch ganz stark war der erste Tag, an dem ich in der Münchner Staatsoper aufgetreten bin. Das war in den Matineen der Heinz Rosel Stiftung. Die ganze Vorbereitung, der Künstlereingang, die Garderoben, hinter der Bühne sein, die Kulissen, etc …

Ein besonders starker Moment war auch der, als ich aus der gleichen Schule wieder rausgeworfen wurde! (lacht)
Darüber kann ich jetzt wieder lachen aber in diesem Moment hat es sich angefühlt, als ob mein Leben zerbricht, zu Ende ist. Da war ich gerade mal 15.

Kam das aus dem Nichts?

Nun ja, hättest du die anderen angeschaut, wäre es abzusehen gewesen. Wenn ich es von außen hätte beobachten können, wäre es mir klar gewesen, aber ich war mir meiner Sache so sicher dass ich nie auf die Idee gekommen wäre. Ich hatte ja auch gute Fortschritte gemacht und nie Probleme gehabt.

Der Rauswurf kam nach 4 Jahren. Wie lange dauert so eine Schule normalerweise?

Ich habe mit 12 angefangen, normalerweise dauert die Ausbildung 7-9 Jahre. Man müsste eigentlich früher eintreten, im Alter von 6-9 sollte man anfangen. Ich war also ziemlich spät dran.

Wie ging es dann weiter?

Ein weiterer starker Moment war, als ich zum ersten Mal eine komplette Vorstellung mit meinen eigenen Stücken bestritten habe, beziehungsweise als ich die Stücke aufgeführt habe, die ich mit meiner Partnerin Tamara Kronheimer entwickelt hatte.  Kurz bevor ich auf die Bühne ging, habe ich mir gedacht: jetzt geht‘s um alles, jetzt kann ich mich nicht mehr hinter einem Choreographen verstecken. Das ist jetzt meins – jetzt bin ich komplett nackt.

Von einer Erinnerung die ich sehr, sehr gerne habe, möchte ich auch noch erzählen.
Es gibt in Havanna ein Straßen Tanzfestival wo man Aufführungen auf der Straße macht. Dort war ich drei Mal und das ist jedes Mal ganz besonders. Einfach in der Altstadt von Havanna auf der Straße zu tanzen mit 1500 anderen Tänzern: das ist einmalig!

Du bist selbständig als Tänzerin? Ist das normal für Tänzer oder gibt es auch Alternativen?

Du kannst natürlich versuchen einen „festen“ Job an einem Theater zu bekommen, wobei das meistens Jahresverträge sind. Mich reizt das nicht, weil du dort Zeug wie Operetten mitmachen musst. Du bist wie ein Beamter, hast einen Früh- und einen Abenddienst. Ich war einige Male in einer Theaterkantine und ich habe mir gedacht: Nein, nein, das ist nichts für mich. Vielleicht mal als Gast, gerne mal für zwei Monate, aber länger bestimmt nicht. Die Alternative dazu ist freie Szene und ich habe mich dazu entschlossen meine eigenen Stücke zu entwickeln und aufzuführen.

Was hat dazu geführt dass du dich dazu entschlossen hast selbständig zu werden?

Nach einem Jahr, in dem ich sehr viel auf Auditions gefahren bin, habe ich durchgerechnet, was ich ausgebe um auf eine Audition zu fahren. Ich gehe auf zehn Auditions und bekomme ein Projekt für das ich miserabelst bezahlt werde, also um die Tausend Euro im Monat aber ich habe vorher bestimmt über dreitausend Euro für die zehn Auditions ausgegeben, bis ich den verdammten Job bekommen habe. Wenn ich also über zweitausend Euro „verliere“, dann kann ich das Geld auch in die Produktion von etwas Eigenem stecken. Da steht wenigstens mein Name drauf. Ich habe mich weiterentwickelt und meine eigenen Sachen verwirklicht, das fand ich besser zu rechtfertigen.

Was ist Dir wirklich wichtig?

Mir war wirklich wichtig einfach zu tanzen.
Trotzdem habe ich das im letzten Jahr ziemlich hinterfragt. Mir war es immer wichtig, dass mich das, was ich mache, zufrieden stellt. Am Anfang war es das klassische Ballett, später wollte ich für andere Choreographen tanzen und schließlich wollte ich meine eigenen Ideen verwirklichen.

Außerdem war es mir immer extremst wichtig, dass ich vom Tanzen leben kann. Ich wollte nie kellnern oder einen Nebenjob annehmen. Das habe ich immer absolut als Nogo empfunden, weil ich mich nicht fünfzehn Jahre lang ausbilde, um dann kellnern zu müssen. Deswegen bin ich auch sehr froh dass ich den Tango gefunden habe, weil mir das wirklich erlaubt relativ gut von meiner Arbeit leben zu können, ohne den Bereich des Tanzes verlassen zu müssen.

Abgesehen davon dass ich wirklich sehr gerne Tango tanze, ist das absolut ein Teil meiner Berufswelt und es war auch ein Teil meiner Ausbildung. In den letzten vier Jahren habe ich sehr viel an eigenen Produktionen gearbeitet, aber in letzter Zeit hat mich das nicht mehr zufrieden gestellt. Ich bin nicht so viel weiter gekommen, um mir selbst bessere Konditionen zum Produzieren zu schaffen.

Wenn ich fünf Tage frei habe, kann ich mich natürlich mit jemandem ins Studio setzen und etwas machen was schnell zustande kommt.
Wir sind alle Tänzer, wir haben alle etwas, das funktioniert. Das werfen wir zusammen und machen ein nettes Stück das jeder gut findet, aber das ist eben auf Dauer nicht zufriedenstellend.
Obwohl ich sehr gerne reise, und das auch beibehalten werde, ist es mir fürs nächste Jahr erst einmal wichtig, mir eine Basis zu schaffen. Deshalb lasse ich jetzt die Projekte auf mich zukommen, und ich gebe auch etwas Verantwortung und Kontrolle ab. Das ist sowieso nicht so unbedingt meins.

Wie sieht das in der Praxis aus?

Ich lasse jemand anderen das Konzept schreiben, oder ich stelle mich wieder zur Verfügung für einen Choreographen, der wirklich mit mir arbeiten möchte. Wichtig ist mir dabei, dass ich kein auswechselbares Rädchen im Getriebe bin. Es geht mir vielmehr darum, dass jemand etwas in mir sieht, das er oder sie gerne in seiner Choreographie/in seiner Arbeit verwenden möchte.

Momentan gibt es eine Anfrage einer Modeschöpferin, die auch eine Künstlerin ist.
Mit verschiedenen Musikern arbeite ich auch immer wieder zusammen, habe eine Hauptrolle mit meinem neuen Tanzpartner in seiner eigenen Show, und auch das finde ich sehr schön.
Wenn ich nicht so viel selber strampele, dann ist auch wieder mehr Platz dafür dass etwas Neues auf mich zukommt.

Rosalie lacht

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